Zweifel an Ankaras Selbstmordversion

Die ehemalige BBC-Journalistin Jacky Sutton wird erhängt in einer Toilette des Flughafens in Istanbul aufgefunden. Die türkischen Behörden sprechen von Suizid, ehemalige Kollegen von Mord

Von Nick Brauns/Kevin Hoffmann, Istanbul

In der Nacht zum vergangenen Sonntag ist die ehemalige BBC-Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Jacky Sutton tot in einer Toilette des Istanbuler Atatürk-Flughafens aufgefunden worden. Nach Angaben der türkischen Behörden soll sich Sutton mit ihren Schnürsenkeln erhängt haben, da sie einen Anschlussflug von Istanbul in die nordirakische Stadt Erbil verpasst hatte. Jacky Sutton bildete dort als Landesdirektorin der britischen NGO »Institut für Kriegs- und Friedensberichterstattung« (IWPR) Journalisten aus. Zuvor hatte sie für verschiedene Institutionen der Vereinten Nationen und die britische BBC gearbeitet.

Freunde und Kollegen von Sutton bezweifeln die von der türkischen Presse und den Behörden umgehend verbreitete Version eines Selbstmordes. Es sei »unmöglich«, dass sich Sutton, die gerade mitten in ihrer Doktorarbeit steckte, umgebracht habe, meint der irakische Journalist Mazin Elias gegenüber dem Nachrichtenportal Mail Online. »Jemand hat sie getötet.«

»Ich halte nichts von Verschwörungstheorien, aber wenn die türkischen Behörden nun sagen, eine Sicherheitskamera am Istanbul-Atatürk-Flughafen hatte eine ›Fehlfunktion‹, dann wurde Jacky Sutton ermordet«, weist auch der Wissenschaftler Christian Bleuer von der Australischen Nationaluniversität in Canberra auf die fragwürdigen Todesumstände seiner Bekannten hin. In von den britischen Tageszeitungen Times und Daily Telegraph veröffentlichten Mails an eine Freundin hatte Sutton erst jüngst ihre Sorge darüber geäußert, einem gezielten Mordanschlag der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) zum Opfer zu fallen. Sie habe aus Sicherheitsgründen ihr Hotel in Erbil gewechselt. Am 2. Mai diesen Jahres wurde Suttons Vorgänger Ammar Al-Schabander bei einem Autobombeanschlag in Bagdad mit 17 weiteren Menschen getötet.

Sein Opfer in einer Damentoiletten zu erhängen, das wäre für das Vorgehen der Mördertruppe IS allerdings unüblich. Die Todesumstände deuten eher auf die Verwicklung eines Geheimdienstes hin. Tatsächlich starb vor Sutton bereit eine andere zum IS recherchierende ausländische Journalistin in der Türkei. So war im Oktober letzten Jahres die US-Amerikanerin Serena Shim nahe der türkischen Grenzstadt Suruc ums Leben gekommen, als ihr Wagen von einem Betonlaster gerammt wurde. Shim hatte für den iranischen Sender Press TV über die türkische Unterstützung für den IS bei dessen Angriff auf die syrisch-kurdische Stadt Kobani recherchiert. Sie mache sich Sorgen, dass der türkische Geheimdienst etwas gegen sie unternehmen könne, hatte Shim zwei Tage vor ihrem Tod in einer Livesendung erklärt.

https://www.jungewelt.de/2015/10-22/007.php

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