Kriegsziel Transitzone

US-amerikanische und türkische Luftwaffe fliegen gemeinsame Angriffe in Syrien. Ankara will Korridor erhalten, um islamistische Milizen zu versorgen.

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe hat am Dienstag den Konflikt in Nordsyrien drastisch verschärft. Er passt jedoch in die Strategie Ankaras. Seit langem spricht Präsident Recep Tayyip Erdogan von einer »Sicherheitszone«, die er im türkisch-syrischen Grenzgebiet, zwischen den kurdischen Kantonen Efrin und Kobani, errichten will. Bisher konnte er bei seinen Verbündeten und NATO-Partnern dafür keine Unterstützung finden. Nach den Anschlägen von Paris sieht es jedoch so aus, als würde sich das ändern. Zwar hat bisher kein NATO-Mitgliedsland verlauten lassen, dauerhaft größere Kampftruppen nach Syrien schicken zu wollen. Doch haben die USA nicht nur ihre Unterstützung bei der Grenzsicherung zugesagt, sondern Ende vergangener Woche auch erstmals gemeinsam mit der türkischen Armee zur Unterstützung syrischer Rebellen Ziele im Grenzgebiet attackiert. Laut einer Umfrage der Washington Post befürwortet zudem inzwischen eine deutliche Mehrheit von 60 Prozent der US-Bürger den Einsatz von Bodentruppen gegen den »Islamischen Staat« (IS) in Irak und in Syrien. Im Juni 2014 hatten sich bei einer Umfrage derselben Zeitung noch lediglich 30 Prozent der Befragten dafür ausgesprochen.

In der Nacht zum vergangenen Freitag haben die türkische und die US-Luftwaffe mit Drohnen und Kampfflugzeugen die Städte Dalha und Hardschala in Nordsyrien angegriffen, die daraufhin von Kämpfern der »Sultan-Murad-Brigaden« eingenommen wurden. Laut türkischen Medien sind dabei mehr als 70 IS-Kämpfer getötet worden. Bereits Ende Oktober hatte der Kommandant der »Sultan-Murad-Brigaden«, Issa Al-Turkmani, der Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass man neue Waffenlieferungen bekommen habe: »Wir haben mehr Munition als je zuvor erhalten.« Darunter seien Mörsergranaten und Raketenwerfer sowie vor allem Panzerabwehrraketen gewesen. Al-Turkmani bilanzierte: »Nach diesen Lieferungen sind wir gut bestückt«. Laut Reuters sollen die gelieferten Waffen aus US-Produktion stammen.

Türkische Medien werteten die jetzige Militäroperation als ersten Schritt hin zur Einrichtung der von Erdogan angestrebten »Sicherheitszone«. Ziel des türkischen Präsidenten ist dabei vor allem, eine mögliche Vereinigung der kurdischen Kantone im Norden Syriens zu verhindern. In der Vergangenheit wurde dieses Gebiet zudem als Transitzone für islamistische Kämpfer und Waffenlieferungen an deren Milizen genutzt. Nach der Vereinigung der kurdischen Kantone Kobani und Cizire besteht über den Korridor die einzige Möglichkeit, die Islamisten aus der Türkei mit Nachschub zu versorgen. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und YPJ berichten derweil von anhaltenden grenzüberschreitenden Angriffen der türkischen Armee auf ihre Stellungen in den Regionen um die Städte Gire Spi (arabisch Tal Abjad) und Kobani. Die türkische Regierung droht seit Monaten mit Angriffen auf die Stellungen der kurdischen YPG und YPJ, sollten diese weitere Gebiete in der geplanten »Sicherheitszone« vom IS befreien.

Bereits am Montag hat die türkische Regierung zudem den UN-Sicherheitsrat angerufen, um gegen angebliche Angriffe russischer Kampfflugzeuge und syrischer Soldaten auf turkmenische Dörfer im Nordwesten Syriens zu protestieren. Als Reak­tion auf die syrisch-russischen Militäroperationen hatten Mitglieder der Jugendorganisation der islamistisch-faschistischen Großen Einheitspartei (BBP) am Samstag bei einer Pressekonferenz in Istanbul angekündigt, dass sie ihre »turkmenischen Brüder« in Syrien mit einer 250 Mann starken Miliz gegen die Angriffe verteidigen wollten.

https://www.jungewelt.de/m/artikel/275992.kriegsziel-transitzone.html

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