An Azadî An Azadî! – Entweder Freiheit oder Freiheit!

Der demokratische Selbstverwaltungswiderstand in Bakur (Nordkurdistan)
Young Struggle Ausgabe Januar/Februar 2016

Seit dem faschistischen Anschlag auf die sozialistischen Jugendlichen der SGDF in Pirsus (Suruc), lässt das faschistisch kolonialistische AKP-Regime seine Sicherheitskräfte und Mordkommandos erneut gegen die kurdische Bevölkerung und die mit ihr Schulter an Schulter kämpfenden sozialistische Bewegung angreifen. Diese Angriffe gipfelten nicht nur in dem Anschlag am 10. Oktober in Ankara bei dem mehr als 100 Menschen getötet wurden, sondern in einem offenen Vernichtungskrieg gegen die nach Freiheit strebende und Widerstand leistende kurdische Bevölkerung in Bakur (Nordkurdistan). Wir wollen mit diesem Text einen kurzen Überblick und eine Einschätzung dieses Widerstandes gegen den Vernichtungskrieg des faschistischen kolonialistischen türkischen Staates liefern und zur Solidarität und Unterstützung aufrufen.

Selbstverwaltung…
Als Reaktion auf die Massaker des türkischen Staates, als Reaktion auf die Bombardierungen der Verteidigungsgebiete der Guerilla und den Verhaftungsterror gegen tausende Mitglieder, Abgeordnete und Bürgermeister der Demokratischen Partei der Völker (HDP), als Reaktion auf den „zivilen Putsch“ nach den Wahlen vom 7. Juni, der die mit 13% ins Parlament gewählte HDP von der parlamentarischen Arbeit faktisch ausschloss und der abgewählten AKP-Regierung weiterhin die Macht sicherte, hat Ende Juli/Anfang August 2015 die kurdische Bevölkerung damit begonnen die demokratische Selbstverwaltung zu erklären. Cizre, Silopi, Nusaybin, Yüksekova, Hakkari, Van, Diyarbakır, Silvan, Varto und weitere Orte und Gebiete in Bakur (Nordkurdistan) stehen für den Beginn des Selbstverwaltungswiderstandes…

Durch die Vernichtungspolitik des faschistisch kolonialistischen Staates haben seine Institutionen jegliche Legitimität in den Augen der kurdischen Bevölkerung verloren. Die Ausrufung der demokratischen Selbstverwaltung ist das Ergebnis eines Jahrzehntelangen Kampfes der kurdischen Freiheitsbewegung für Frieden und demokratische Rechte und ihrer in diesem Kampf gemachten kollektiven Erfahrungen. Seit Jahren baut die kurdische Freiheitsbewegung parallel zu den staatlichen kapitalistischen Verwaltungsstrukturen in Bakur (Nordkurdistan) eigene demokratische Selbstverwaltungsstrukturen auf. Diese sind, die unter den permanenten Angriffen der türkischen Sicherheitskräfte sich entwickelnden Volksräte, Volksgerichte, Kommunen und Kooperativen, sowie die schrittweise Gründung und Etablierung der kollektiven Organisierung der grundlegenden Lebensbedürfnisse. Ebenso schaffte die patriotische Jugendbewegung Strukturen, die gegen Kriminalität, Drogenhandel, Prostitution, Gewalt gegen Frauen und Zwangsheirat vorgeht. Die Etablierung dieser demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen führte zu einer objektiven Doppelherrschaft. Denn zunächst tastete sie die Strukturen und vor allen Dingen die staatlichen Sicherheitskräfte nicht grundlegend an. Dies änderte sich mit dem erneut von dem, sich in einer tiefen Krise befindenden, faschistischen kolonialistischen AKP-Regime, begonnenen offen Krieg gegen das kurdische Volk.

…Selbstverteidigung
Durch den Aufbau und die Erklärung der Selbstverwaltung durch die Bevölkerung, musste sie im selben Atemzug ihre Selbstverteidigung organisieren. Die von der Bevölkerung, zunächst gegen Massenfestnahmen und Polizeioperationen ausgehobenen Gräben und aufgebauten Barrikaden, wurden gemeinsam mit der sie verteidigenden organisierten kurdischen Jugend (YDG-H, Patriotische revolutionäre Jugendbewegung) zu ihrer einzigen Lebensgarantie. Zudem bilden sich seit einigen Wochen, in den Orten der demokratischen Selbstverwaltung, Einheiten der YPS/YPS-J (Zivilverteidigungseinheiten) nach dem Vorbild der YPG/YPJ in Rojava aus der Bevölkerung heraus, um die legitime Selbstverteidigung der Bevölkerung zu organisieren.
Der faschistisch kolonialistische türkische Staat reagierte mit gesteigertem Terror und Vernichtung auf den unbeugsamen Willen der kurdischen Bevölkerung und ihr Streben nach einem ehrenvollen, friedlichen und demokratischen Leben. Er verhängte unbegrenzte Ausnahme- und Belagerungszustände über die von ihm ausgemachten Zentren des Widerstandes. Er warf den aus der Bevölkerung kommenden Jugendlichen und Frauen, die unbeugsam und ihr Leben gebend ihre Bevölkerung verteidigen, 10.000de Soldaten, Polizisten und Sonderkommandos entgegen. Ausgestattet mit einem Schießbefehl der ihnen Straffreiheit für Mord und Folter garantiert. Er beraubte mehr als 1,3 Millionen Menschen über Wochen jeglicher menschlichen Lebensgrundlage, in dem er die Telefonverbindungen, die Strom-, Wasser-, Gesundheits- und Lebensmittelversorgung kappte. Mit Panzern, Artillerie und Bombardierungen aus der Luft versuchten sie den Widerstand der Bevölkerung zu brechen. Mit dem wahllosen Mord an hunderten Zivilisten durch Scharfschützen, Bomben, Folter und extralegale Hinrichtungen und durch die Schändung der Leichname soll der Freiheitswille der Bevölkerung vernichtet werden. Doch selbst bürgerliche Beobachter mussten eingestehen, dass Erdogans faschistische Palastjunta damit das genaue Gegenteil erreicht hat. „Jetzt kämpft ein Großteil der Bevölkerung“ ist wohl die treffendste Beschreibung für den durch den Vernichtungskrieg sich täglich vergrößernden Widerstand in Bakur (Nordkurdistan).

Wir sprechen von Vernichtungsterror oder Vernichtungskrieg, da es hier nicht einfach um die Jahrzehnte lange Politik der Assimilation, nicht um Verbote oder Repression geht, sondern um die physische Vernichtung der kämpfenden Freiheitsbewegung, der kämpfenden kurdischen Bevölkerung. Es geht um die Vernichtung des Identitätswillens, die Vernichtung des Strebens nach Freiheit, Geschwisterlichkeit und Solidarität als Grundprinzip des gleichberechtigten Zusammenlebens von verschiedenen Ethnien, Religionen und anderen gesellschaftlichen Gruppen. Heute wird viel darüber diskutiert, dass der Terror der 1990er Jahre in der Türkei zurückgekehrt sei, dabei müssen wir sehen, dass der heutige Staatsterror den der 1990er Jahre weit übertrifft, denn was damals geheim und verdeckt passiert ist, wird heute ganz offen, ja offiziell praktiziert und das unter den Augen der Weltöffentlichkeit.

Im Westen nichts neues?
Egal wie viele Soldaten, Polizisten und Mordkommandos das faschistisch kolonialistische Regime auch nach Kurdistan schicken wird, den Widerstand und den Willen des kurdischen Volkes werden sie dadurch nicht brechen können. Für das Jahr 2016 müssen wir nicht nur mit größeren Massakern in Kurdistan rechnen, sondern auch von einem noch breiteren und entschlossenerem Widerstand des kurdischen Volkes ausgehen. Das Jahr 2016 wird einige grundlegenden Weichen im Kampf in Kurdistan und dem Mittleren Osten für die kommende Periode stellen.
Wir gehen zwar davon aus, dass das faschistische türkische Regime keine Möglichkeit der physischen und psychologischen Vernichtung des kurdischen Kampfes finden wird, ein dauerhafter oder grundlegender Sieg gegen Kolonialismus und Faschismus in Bakur (Nordkurdistan) wird jedoch auch nicht ohne den Sieg über den Faschismus im Westen, in der Türkei, möglich sein.
Ein demokratisches Kurdistan setzt eine demokratische Türkei, setzt einen demokratischen Mittleren Osten voraus. Wenn man zudem von einem Verbleib Bakur’s (Nordkurdistan’s) in den Grenzen der Türkei ausgehen möchte, gilt das gesagte um so mehr.
Auch Erdogan und seine Palastjunta wissen dies und greifen daher um so mehr jede Erhebung, jede Solidarität mit dem Freiheitskampf des kurdischen Volkes und jeden Kampf für demokratische Rechte im Westen (in der Türkei) erbarmungslos an. Die Bombenanschläge in Pirsus (Suruc), Ankara und Istanbul müssen in diesem Zusammenhang gesehen werden, ebenso wie die Hinrichtungen und Ermordungen von Günay Özarslan, Dilek Doğan, Dilan Kortak und den beiden MLKP/FESK Kommandantinnen Şirin Öter und Yeliz Erbay durch türkische Spezialeinheiten in Istanbul.

Der Selbstverwaltungs- und Selbstverteidigungswiderstand des kurdischen Volkes hat unsere vollste Sympathie und Unterstützung. Er trägt den Hoffnungsfunken der Revolution von Rojava nach Bakur (Nordkurdistan) und weiter in den Westen. Es ist heute unsere Aufgabe die internationale Solidaritätsbewegung die es mit dem kurdischen Befreiungskampf in Rojava gibt, auch auf die anderen Teile Kurdistans auszuweiten und in diesen Tagen besonders auf Bakur (Nordkurdistan). Denn wenn es in Deutschland und Europa eine breite Öffentlichkeit zu den Geschehnisse dort und einen großen öffentlichen Druck auf die Herrschenden gibt und die Menschen in Bakur (Nordkurdistan) und in der Türkei nicht mehr ohne Aufschrei erschossen werden können, dann ist das eine reale Unterstützung der kurdischen und sozialistischen Bewegung. Für die kurdische Freiheitsbewegung und die sozialistische Bewegung in der Türkei und Kurdistan gibt es kein Zurückweichen vor Mord und Terror, sie kämpfen getreu der Losung: An Azadî An Azadî! – Entweder Freiheit oder Freiheit!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s