»Die Regierung will sie zum Schweigen bringen«

Sechs Monate nach dem Anschlag auf sozialistische Jugenddelegation in Suruc werden Überlebende kriminalisiert. Gespräch mit Yunus Akan

Interview: Kevin Hoffmann, Istanbul

Yunus Akan arbeitet in Istanbul als Journalist der linken Nachrichtenagentur Etkin Haber Ajansi, ist Korrespondent der sozialistischen Wochenzeitung Atilim und als Aktivist der LGBTI-Bewegung aktiv

http://www.sgdfsoli.blogsport.de

Wie ist sechs Monate nach dem Selbstmordanschlag auf die Delegation der Föderation sozialistischer Jugendvereine, SGDF, in Suruc die Situation der Verletzten und Überlebenden?

Am 20. Juli haben 33 Genossen ihr Leben in Suruc verloren. Über 100 Jugendliche wurden verletzt, 15 von ihnen schwer. Heute sind fast alle Verletzten aus den Krankenhäusern entlassen, einige von ihnen müssen jedoch täglich behandelt werden oder sitzen im Rollstuhl. Viele von uns Überlebenden sind zudem in psychologischer Behandlung. Wir wollten gemeinsam nach Kobani gehen, die Stadt wieder aufbauen, den Kindern Spielzeug bringen. Ich war dort, um für die Nachrichtenagentur ETHA und die sozialistische Wochenzeitung Atilim zu berichten.

Bekommen die Betroffenen Unterstützung vom türkischen Staat oder von anderen Institutionen?

Die Regierung hat den Familien der ermordeten Jugendlichen Geld angeboten. Die lehnten dieses jedoch geschlossen ab. Sie sagten, dass die Regierung damit nur die Realität verschleiern und sie zum Schweigen bringen möchte. Sonstige Hilfe vom türkischen Staat gibt es nicht. Ganz im Gegenteil werden die überlebenden sozialistischen Jugendlichen vom Staat verfolgt. Das Haus von Ilke Basak Baydar und Serife Erbay, die beide in Suruc verletzt wurden, wurde wenige Wochen nach dem Anschlag von Spezialeinheiten gestürmt, durchsucht, und sie wurden geschlagen. Ein weiterer Überlebender, Ulas Alankus, sitzt zur Zeit in Haft. In den vergangenen Wochen wurden Dutzende der Opfer kurzzeitig inhaftiert und wieder frei gelassen. Das ist die Hilfe des türkischen Staates. Was die Inhaftierten getan haben? Sie haben das Massaker überlebt und ihren politischen Kampf danach nicht aufgegeben. Von Menschenrechtsvereinen, Gewerkschaften, Berufskammern, linken und demokratischen Organisationen hingegen kommt viel Solidarität und Hilfe für die Betroffenen und die Familien.

Gibt es aktuell laufende Ermittlungen zu der Attacke und den Hintergründen der Tat?

Unmittelbar nach dem Anschlag wurden alle Ermittlungen als geheim eingestuft. Der Staat sagt, dass das publik werden der Ermittlungsdetails die »unteilbare Einheit des türkischen Staates« gefährden könnte. Das »Anwaltsbüro der Unterdrückten« und andere demokratische Anwälte haben eine Plattform zur Untersuchung des Falls gebildet, aber sie bekommen keine Informationen. Niemand kennt heute den Stand der Ermittlungen.

Mehr als 140 kurdische und linke Aktivisten sind in Diyarbakir, Suruc und Ankara getötet worden, und vor kurzem zehn Touristen in Istanbul. Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen diesen Anschlägen?

Die Anschläge in Amed (kurdisch für Diyarbakir, jW), Suruc und Ankara haben eine deutliche Sprache gesprochen. Sie waren gegen die kurdische Freiheitsbewegung, gegen die sozialistischen Organisationen und gegen alle Menschen gerichtet, die sich für Frieden und Demokratie einsetzen. Sie sollten einschüchtern und Angst verbreiten. Der Anschlag in Istanbul jedoch zeigt, es kann jeden treffen. Was bei allen Anschlägen gleich war, ist die Reaktion der türkischen Regierung. Sofort wurden Nachrichtensperren verhängt und alle Details zur Geheimsache erklärt. Parallel dazu wurden jeweils nach wenigen Stunden die Identitäten der Attentäter offenbart und es stellte sich heraus, dass diese bereits vorher dem Geheimdienst bekannt waren. Eine andere Gemeinsamkeit ist die auffällige Abwesenheit von Sicherheitskräften unmittelbar vor und zur Zeit der Anschläge. Die Zusammenarbeit zwischen dem türkischen Staat und dem IS ist mit unzähligen Beispielen belegbar. Für uns hat der türkische Staat an diesen Massakern zumindest eine Mitschuld.

Wie sind die aktuelle Kriegspolitik und die Massaker gegen die kurdische Bevölkerung in Nordkurdistan im Zusammenhang mit den Anschlägen zu beurteilen?

Das AKP-Regime ist von einer Strategie der Spannung, mit Bombenanschlägen zur Zeit der Wahlkämpfe und Hunderten Angriffen auf die Büros der Demokratischen Partei der Völker, HDP, zu einem offenen Krieg innerhalb seiner eigenen Grenzen übergegangen. Die Botschaft, die uns diese Politik und die Anschläge übermitteln sollen, ist eindeutig: »Wenn du dich gegen die Regierung stellst, bist du deines Lebens nicht mehr sicher.«

https://www.jungewelt.de/2016/01-26/006.php

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