Massaker an Zivilisten

Augenzeugen berichten von einer Massenhinrichtung in Nusaybin durch türkische Einsatzkräfte

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

In der seit Monaten vom Militär belagerten und umkämpften kurdischen Stadt Nusaybin ist es erneut zu einem Kriegsverbrechen durch den türkischen Staat gekommen. Wie Augenzeugen der Nachrichtenagentur DIHA und der Frauennachrichtenagentur JINHA berichteten, sollen am 31. Mai mehr als 20 Menschen in unmittelbarer Nähe zur syrischen Grenze von Mitgliedern der türkischen Einsatzkräfte extralegal hingerichtet worden sein.

Verschiedene Augenzeugen berichteten den Nachrichtenagenturen übereinstimmend, dass am 31. Mai gegen 22 Uhr Ortszeit mehr als 20 Personen mit einem gepanzerten und vier zivilen Fahrzeugen in die Nähe des Friedhofs im Stadtteil Yeni Mahalle gebracht worden seien. Dort seien sie gezwungen worden, sich in drei Gruppen aufzustellen. Nachdem weitere militärische und zivile Fahrzeuge den Ort erreichten und einige ihn wieder verlassen hatten, seien die Gefangenen von einem Erschießungskommando hingerichtet worden. Die Augenzeugen konnten die Exekution so genau verfolgen, weil einer der Fahrer vergessen hatte, die Scheinwerfer des Autos auszuschalten.

Nach dem Massaker sollen die Leichen aufeinandergestapelt, angezündet und verbrannt worden sein. Ein Militärfahrzeug bewachte über Nacht den Ort der Hinrichtung. Am nächsten Morgen sorgte Soldaten dafür, dass alle Beweise für das Verbrechen beseitigt wurden.

Ali Atalan, Abgeordneter der Demokratischen Partei der Völker (HDP), berichtete gegenüber der Tageszeitung Özgür Gündem, dass er ebenfalls von Augenzeugen telefonisch über den Vorfall informiert worden sei. Atalan erklärte: »Die Kriegsverbrechen der AKP werden nach Aufhebung der Ausgangssperre ans Tageslicht kommen. Hier sind paramilitärische Kräfte am Werk, die den Befehl erhalten haben, die Kurdinnen und Kurden auszulöschen.« Dazu seien Spezialeinheiten des Geheimdienstes der Gendarmerie JITEM in die Region im Südosten der Türkei entsendet worden.

Nachdem die türkische Armee vor drei Wochen begonnen hatte, Nusaybin mit Kampfjets zu bombardieren, erklärten die kurdischen Zivilen Selbstschutzeinheiten (YPS) am 26. Mai ihren vollständigen Rückzug aus der Stadt, damit die noch verbliebenen und eingeschlossenen 50.000 Zivilisten nicht zu Schaden kommen. Die türkischen Einsatzkräfte ignorierten diesen Schritt der YPS und setzten ihre Bombardements und Angriffe fort.

Die aktuellen Berichte über extralegale Massenhinrichtungen und das »Verschwindenlassen« von Aktivisten und Zivilisten erinnern an die Verbrechen des türkischen Militärs in den 90er Jahren. Das Kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit »Civaka Azad« vergleicht den beschriebenen Fall mit der Ermordung von 13 Dorfbewohnern im Jahr 1993 in Mardin. Der damals leitende Kommandant der türkischen Gendarmerie, Musa Citil, wurde von jeglicher Verantwortung für dieses Massaker von einem Gericht freigesprochen. Seitdem die AKP-Regierung den Krieg gegen die kurdische Freiheitsbewegung neu entfacht hat, ist Citil wieder als Kommandant für die Gendarmerie in der Provinz Diyarbakir im Einsatz. Laut »Civaka Azad« hat seither die Zahl der Fälle von Massenhinrichtungen von kurdischen Aktivisten und anderen Menschenrechtsverletzungen wieder zugenommen.

Seit dem 27. Mai gilt Hursit Külter, Mitglied des Kreisvorstandes der Demokratischen Partei der Regionen (DBP) in Sirnak, als verschwunden. Seine Angehörigen versuchten, ihn ausfindig zu machen, blieben aber bislang erfolglos. Die türkischen Behörden dementierten zwar seine Festnahme. Doch wird im Internet über verschiedene Twitteraccounts, die den türkischen Behörden nahestehen, von seiner Verhaftung berichtet und dass man ihn »in die Hölle geschickt« habe.

https://www.jungewelt.de/2016/06-08/027.php

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