Terror ist hausgemacht

Türkei: Union der Gemeinschaften Kurdistans macht Regierung in Ankara für Anschlag in Istanbul verantwortlich

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Nachdem bereits die prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) der türkischen Regierung eine Mitverantwortung für den Terroranschlag auf den internationalen Atatürk-Flughafen am Dienstag abend in Istanbul zuwies (jW berichtete), hat dies nun auch die Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) in einer Erklärung getan. Der aus der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hervorgegangene Dachverband aller an PKK-Chef Abdullah Öcalan orientierten Kräfte wirft dem Regime in Ankara vor, es habe aufgrund seiner Feindschaft gegenüber den Kurden ein »dreckiges Bündnis« geschaffen, das den »Islamischen Staat« (IS) aufgebaut habe. So heißt es in dem Statement des KCK-Exekutivrates. Die Union warnt davor, dass die türkische Regierung den Istanbuler Terroranschlag nutzen werde, um die Angriffe gegen das kurdische Territorium und den »Genozid« an der dortigen Bevölkerung weiterzuführen. Die Erklärung endet mit einem Aufruf an die Völker in der Türkei, den Kampf gegen die Regierung auszuweiten, um weitere Massaker zu verhindern.

Die türkische Nachrichtenagentur Dogan berichtete am Donnerstag unter Berufung auf Regierungskreise, dass die Attentäter identifiziert worden seien. Es soll sich um einen Usbeken, einen Kirgisen und einen Russen aus der Republik Dagestan handeln. Ein Regierungssprecher sagte, dass man die Männer nicht früher habe enttarnen können, da sie als Ausländer bei keiner Behörde der Türkei registriert gewesen seien. Laut CNN sollen die Attentäter vor rund einem Monat aus Rakka in Syrien in die Türkei gereist sein. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass die Führung des IS direkt in die Planung des Attentats involviert war, zitierte CNN nicht genannte Regierungsquellen. Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANHA haben die »Demokratischen Kräfte Syriens« (SDF), ein Bündnis von kurdischen und syrischen Milizen, nach der Befreiung der syrischen Stadt Manbidsch Dokumente über einen der Attentäter gefunden, die seine Mitgliedschaft in der islamistischen Terrororganisation Ahrar Al-Scham belegen, die sich dem IS angeschlossen hat. Er habe einige Zeit in Damaskus und später in Tisrin und Manbidsch gelebt, bis diese von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und den SDF befreit wurden. In der Zwischenzeit hat die türkische Polizei im Zusammenhang mit dem Anschlag 22 Verdächtige in Istanbul und Izmir festgenommen. Die Zahl der Toten stieg auf 44, nachdem am Donnerstag ein dreijähriger palästinensischer Junge seinen Verletzungen erlegen war.

Die türkische Regierung behauptet weiterhin, dass es keine Fehler und kein Versagen der türkischen Sicherheitsbehörden gegeben habe. Die kurdische Nachrichtenagentur Firat berichtete jedoch schon am Montag – vor dem Anschlag –, dass Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT angewiesen worden seien, Telefongespräche in arabischer Sprache generell als nicht gefährlich einzustufen und diese weder zu überwachen noch aufzunehmen. Ein Mitarbeiter des MIT, von dem nur die Initialen M. Y. bekannt sind und der im Abhörbüro des MIT in Ankara arbeiten soll, habe dies in einem Brief an den Geheimdienstchef Hakan Fidan und die Zeitung Cumhuriyet öffentlich gemacht. Eine Reaktion des MIT oder der Regierung gibt es darauf bisher nicht.

https://www.jungewelt.de/artikel/289126.terror-ist-hausgemacht.html

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