Erfolgsmeldung der HPG

Kurdische Guerilla veröffentlicht Jahresbilanz zum Krieg in der Türkei. Aktionen gegen Armee und Polizei werden fortgesetzt.

Kevin Hoffmann, Istanbul

Vor einem Jahr hat die türkische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan im kurdisch geprägten Südosten des Landes einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung entfacht. Nun zieht die Führung der kurdischen »Volksverteidigungskräfte« (HPG) Bilanz: Der türkische Staat habe alle technischen Möglichkeiten eingesetzt, um der kurdischen Befreiungsbewegung PKK zu schaden und diese zu zerstören, heißt es dort. Doch er sei am Widerstand der Guerilla gescheitert.

Diese will nun mit ihrer Erklärung der türkischen Propaganda entgegentreten und über den aus ihrer Sicht tatsächlichen Verlauf der Auseinandersetzungen aufklären – mit detaillierten Zahlen zu Operationen und Verlusten sowohl der türkischen Sicherheitskräfte als auch der eigenen Einheiten. Nach wie vor zeichne die Regierung in Ankara ein in ihrem Sinne positives Bild: In den Kämpfen mit den Milizen hätten Armee und Polizei nur geringe Verluste gehabt, während mehr als 8.000 Kämpfer der HPG getötet worden seien. Die nun veröffentlichten Zahlen widersprechen dem allerdings.

Seit dem 24. Juli 2015 habe die türkische Armee demnach 365 Bodenoperationen, 658 Bombardements durch Kampfflugzeuge, 147 Angriffe mit Kampfhubschraubern und 1.649 Angriffe mit schweren Waffen wie Artillerie und Panzern auf angebliche Ziele der Guerilla durchgeführt. Hinzu kämen noch 671 Aufklärungsmissionen, um vermeintliche kurdische Stellungen ausfindig zu machen. Insgesamt sei es dabei zu 110 Zusammenstößen mit Guerillaeinheiten gekommen. Die HPG selbst will 1.199 Aktionen durchgeführt haben, bei denen fast 3.000 türkische Soldaten und Polizisten getötet und mehr als 1.000 verletzt worden seien. 13 weitere seien gefangengenommen worden. An Kriegsgerät zerstört worden seien demnach 15 Panzer, 184 Fahrzeuge und vier Kampfhubschrauber. Weitere 175 Fahrzeuge und 44 Hubschrauber seien beschädigt worden. Die eigenen Verluste gibt die Guerilla mit 435 Toten und 16 Gefangenen an.

Offiziell bestätigt sind diese Angaben allerdings nicht, weil die türkische Seite ein Interesse daran hat, die Zahl der eigenen Verluste in der öffentlichen Wahrnehmung möglichst gering zu halten. Die Zahlen beruhen statt dessen vor allem auf Augenzeugenberichten und den Nachforschungen der HPG. Es könne ihr zufolge auch möglich sein, dass die Verluste sogar noch höher liegen.

Die türkischen Sicherheitskräfte haben der Erklärung zufolge ihre technische und zahlenmäßige Überlegenheit nicht ausnutzen können. In den schwer zugänglichen Bergregionen und in den Städten, deren Bevölkerung ihnen in der Mehrheit feindlich gesinnt ist, würden sie sich meist nicht auskennen, und sie könnten sich auch mit ihrer schweren Ausrüstung kaum bewegen. Zudem leide die Moral der zumeist aus Wehrpflichtigen bestehenden Truppe unter den Verlusten.

Die Aktionen gegen die türkischen Sicherheitskräfte gehen unterdessen weiter. So berichtete die sozialistische Nachrichtenagentur ETHA, ein militärisches Bündnis türkisch-kommunistischer und kurdischer Kräfte hätte in der zu Dersim gehörenden Ortschaft Ovacik Straßen besetzt. Und die kurdische Nachrichtenagentur ANF meldete, dass Stadtmilizen der Zivilen Verteidigungskräfte (YPS) sich in Mardin und Van Gefechte mit türkischen Sicherheitskräften lieferten und dass die Straße von Dersim nach Erzincan von Guerillaeinheiten besetzt wurde.

https://www.jungewelt.de/2016/07-28/030.php

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