Ankara und IS Hand in Hand

Nordsyrien: Türkische Truppen und verbündete Dschihadisten liefern sich heftige Gefechte mit kurdischen Milizen und deren Alliierten

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Nachdem die lange angekündigte Offensive auf die irakische Millionenstadt Mossul in der vergangenen Woche begonnen hat, konnten irakische Armee und kurdische Peschmerga rasche Geländegewinne verzeichnen. Sie stehen nun nur noch wenige Kilometer von der Stadt entfernt. Derweil flammten die Gefechte zwischen der türkischen Armee und den arabischen und kurdischen Einheiten der »Syrischen Demokratischen Kräfte« (SDF) in Nordsyrien erneut auf. Nachdem Truppen Ankaras am vergangenen Donnerstag und Freitag mit Artilleriegeschossen und Luftschlägen zahlreiche Kämpfer der SDF und Dutzende Zivilisten getötet hatten, kam es am Wochenende zu heftigen Gefechten um die Stadt Marea.

Diese wird von türkischen Truppen und mit ihnen verbündeten islamistischen Gruppen der »Freien Syrischen Armee« (FSA) besetzt gehalten. Wenige Kilometer vor der Stadt beginnen die von der kurdischen Miliz YPG und der SDF kontrollierten Gebiete. Von Marea aus bombardierte die türkische Armee am Wochenende das von der SDF befreite Dorf Scheich Issa und umliegende Gemeinden. Dabei stieß sie auf Gegenwehr der dort stationierten »Armee der Revolutionäre«, welche ursprünglich selbst der FSA angehörte – seit Oktober 2015 jedoch ein Teil der SDF ist. Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF wurden bei den Gefechten mindestens drei türkische Offiziere, ein Anführer der FSA-Gruppen und eine unbekannte Zahl von Soldaten getötet. Zudem seien ein Panzer und neun bewaffnete Wagen zerstört und eine türkische Überwachungsdrohne abgeschossen worden.

Das Hauptkommando der »Armee der Revolutionäre« griff Ankara in einer schriftlichen Erklärung scharf an. »Wir werden die Menschen der Region beschützen, bis das syrische Territorium von der türkischen Invasion und dem Terror gereinigt ist«, heißt es in einer von ANF zitierten Stellungnahme. Auch in Tirbespi (arabisch: Al-Kahtanija) im Kanton Cizre attackierte die türkische Armee in der Nacht zu Montag Stellungen der YPG.

Wie die Nachrichtenagentur ANHA am vergangenen Samstag berichtete, kam es bereits am 20. Oktober zu erneuten Waffenlieferungen aus der Türkei an islamistische Gruppen. Nahe der türkischen Stadt Reyhanli seien vier mit Waffen beladene Lkw über die Grenze nach Syrien gebracht worden. Dort wurden sie von islamistischen Kämpfern der Fatah-Al-Scham-Front (ehemals Al-Nusra-Front) in Empfang genommen. ANHA beruft sich dabei auf lokale Quellen und Augenzeugenberichte.

Parallel dazu kam es Wochenende immer wieder zu Angriffen des »Islamischen Staats« (IS) in der nordirakischen Stadt Kirkuk. Die Kämpfer sickerten in die Stadt ein und attackierten Regierungsgebäude, ein Museum und eine Schule. Durch gemeinsame Operationen von der örtlichen Polizei, Peschmerga-Einheiten und Guerillaeinheiten der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) aus der Türkei konnten die Angriffe abgewehrt werden. Ein bei der Operation gefangengenommener IS-Kämpfer berichtete laut Bedir News am Samstag, dass die Angriffe in Zusammenarbeit mit Ankara organisiert wurden. »Ein Helikopter des türkischen Staates brachte uns zu dem Dorf Seretepe im Norden Kirkuks. Später wurden wir dann ins Zentrum von Kirkuk gebracht«, sagte er. Das Ziel sei gewesen, das Büro des Gouverneurs und andere staatliche Einrichtungen zu besetzten.

Der Kovorsitzende der »Freien Gesellschaftsbewegung Kurdistans«, Mihemed Abdullah, vermutet einen internationalen Plan hinter den Angriffen auf Kirkuk. Er geht davon aus, dass diese weitergehen werden. Die türkische Aggression sei mit dem Vorhaben Ankaras verbunden, Mossul sowie die gesamte Region Kurdistan zu dominieren, äußerte Abdullah gegenüber Roj News am Samstag.

Am Montag attackierten Einheiten des IS mehrere Dörfer in der ­Region Sengal (arabisch: Sindschar). Die Gefechte dauerten am Nachmittag noch an. Die verteidigenden jesidischen Peschmerga-Einheiten wurden dabei von Luftangriffen der von den USA angeführten internationalen Militärkoalition unterstützt.

https://www.jungewelt.de/2016/10-25/033.php

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