Ankara bildet Dschihadisten aus

Erneute Berichte über militärische Unterstützung islamistischer Gruppen durch die Türkei

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Die türkische Armee und der türkische Geheimdienst MIT versorgen islamistische Gruppen in Syrien mit Geld, Waffen, Ausbildung und Informationen. Die Milizen unterhalten zudem Camps im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Die Unterstützung war so auffällig, dass zeitweise selbst bürgerliche Blätter wie Cumhuriyet und ihr damaliger Chefredakteur Can Dündar über Lkw-Kolonnen mit Lieferungen für die Dschihadisten berichteten. Spätestens seit diesen Veröffentlichungen ist die Zeitung im Fadenkreuz der türkischen Justiz, wie auch die neuerlichen Festnahmen von Cumhuriyet-Mitarbeitern zeigen.

Am Montag berichtete die kurdische Nachrichtenagentur Firat über Ausbildungscamps in der türkischen Provinz Hatay. Laut den Angaben einer nicht namentlich genannten Quelle aus dem türkischen Militär sollen Mitglieder der Fatah-Al-Scham (ehemals Al-Nusra-Front) und von Ahrar Al-Scham aus der nordsyrischen Provinz Idlib mit gepanzerten Fahrzeugen und in Begleitung von Spezialeinheiten der Militärpolizei in die türkische Grenzregion gebracht worden sein. Dort sollen die Islamisten laut Firat türkische Uniformen ohne Namen und Abzeichen bekommen haben.

Laut Firat sollen die Islamisten in einem besonderen Bereich außerhalb des Grenzpostens untergebracht und trainiert werden. Bei den Ausbildern soll es sich um türkische Soldaten handeln. Die Islamisten bekommen Schießtraining mit der Kalaschnikow, dem Standardsturmgewehr im syrischen Krieg. Dies ist besonders, weil das türkische Militär als NATO-Armee andere Waffen benutzt und Kalaschnikows nicht zur regulären Ausrüstung gehören.

Nachdem die Islamisten das Training absolviert haben, sei der Plan, dass sie sie nach Syrien zurückgebracht und durch neue »Rekruten« ersetzt werden. Firat berichtete, dass an allen Grenzposten in der Region eine ähnliche Situation herrsche. Erst vergangene Woche gab es erneute Meldungen, dass aus derselben Region zahlreiche Lkw mit Waffen nach Syrien gebracht wurden.

Am vergangenen Montag berichtete Firat zudem über eine gemeinsame Erklärung von zehn islamistischen Gruppen zu der am Wochenende erfolgten koordinierten Offensive gegen die syrische Armee in der Region Aleppo. Interessant ist dabei, dass es sich bei den Unterzeichnern unter anderem um dieselben Kampfverbände handelt, die von Ankara unterstützt werden und die gemeinsam mit türkischen Truppen unter dem Namen »Schutzschild Euphrat« in Nordsy­rien einmarschiert sind.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan versucht zwar immer wieder, diese Milizen als »gemäßigte Rebellen« darzustellen. Doch durch die gemeinsame Erklärung wird deutlich, dass es sich bei ihnen um Dschihadisten handelt. Der bürgerliche Politikwissenschaftler Michael Lüders bezeichnete die Ideologie dieser Gruppen in einem Anfang August ausgestrahlten Interview mit dem WDR – kurz vor dem Einmarsch türkischer Truppen in Syrien – als »genauso mörderisch wie die des ›Islamischen Staates‹«. Ebenso machte er auf von Fatah-Al-Scham und Ahrar Al-Scham verübte Massaker an der Zivilbevölkerung aufmerksam.

Unterdessen gingen in der kurdischen Region Afrin am Wochenende Tausende Bewohner auf die Straße, um gegen Provokationen und Grenzverletzungen der türkischen Armee zu protestieren. Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANHA kam es dabei zu grenzüberschreitendem Beschuss durch das türkische Militär. Dadurch sollen zahlreiche kurdische Dorfbewohner verletzt worden sein.

https://www.jungewelt.de/2016/11-02/037.php

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