Zwei Jahre Wiederaufbau

Organe der Selbstverwaltung von Kobani veröffentlichen Bericht zu aktueller Lage. Kritik an internationalen Hilfsorganisationen

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Kobani in Nordsyrien wurde im September 2014 weltweit bekannt, als der »Islamische Staat« (IS) die umliegenden Gebiete eroberte und die Stadt einkesselte. Es folgte ein Kampf zwischen den Dschihadisten und den kurdischen und arabischen Kämpfern der Volks- bzw. Frauenverteidigungseinheiten (YPG, YPJ) um jedes Haus und jede Straße. Nach monatelangen Gefechten konnte Kobani am 25. Januar 2015 befreit werden.

Mehr als 600 Menschen sind bei der Verteidigung getötet worden, Dutzende kamen durch in der Stadt angebrachte Sprengfallen ums Leben. Der Kampf um Kobani bedeutete die erste große Niederlage für den IS und gleichzeitig den Beginn einer internationalen Solidaritätsbewegung, die den 1. November zum Kobani-Tag erklärt hat.

Anlässlich des diesjährigen 1. November haben die Organe der Selbstverwaltung in der auf kurdisch als Rojava bezeichneten Region einen Bericht über die Fortschritte des Wiederaufbaus der Stadt und des Umlandes veröffentlicht. Durch die IS-Angriffe und die Bombardements der Anti-IS-Koalition wurden mehr als 80 Prozent der Stadt sowie das gesamte Wasser- und Elektrizitätsnetz zerstört. Ein Großteil der öffentlichen Einrichtungen lag in Trümmern.

Die Selbstverwaltungsorgane berichten nun von Fortschritten im Wiederaufbau: Die Wasserversorgung konnte wieder instand gesetzt werden. Die Stromversorgung wurde nach der Einnahme des Tischrin-Staudamms schrittweise wieder ausgebaut, so dass nun rund um die Uhr Elektrizität verfügbar ist. Außerdem wurden wichtige Straßen asphaltiert sowie die Zementfabrik, mehrere Mühlen und Bäckereien in Betrieb genommen. Laut dem Bericht konnten in der Stadt 13 Schulen und in den umliegenden Dörfern 320 wiedereröffnet werden. Jedoch fehlt es an Lehrern und Unterrichtsmaterial.

Auch die Gesundheitsversorgung in der Stadt konnte verbessert werden. Zu den zwei auch während der Kämpfe betriebenen Krankenhäusern kamen ein neues sowie eine durch Internationalisten aufgebaute Geburts- und Frauenklinik hinzu. Kleine Gesundheitszentren wurden in den ländlichen Gebieten des Umlands von Kobani errichtet.

Das größte Hindernis für den Aufbau der Stadt ist laut dem Bericht die Embargopolitik der Länder der Region – vor allem der Regierungen in der Türkei und der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Diese lassen keine Waren, Maschinen oder Helfer über ihre Grenzen nach Kobani.

Kritik übt der Bericht zudem an internationalen Organisationen und Staaten, die zwar Kobani besucht und Unterstützung zugesichert hatten, doch ihre vielen Zusagen nicht einhielten. Dankbar sei man aber für die Hilfe, die von einigen wenigen Hilfsorganisationen geleistet wurde. Diese seien die Ausnahme gewesen, so der Bericht. Man habe große Hoffnung in die Versprechen gesetzt, sei aber enttäuscht worden. Um welche Organisationen und Staaten es sich handelt, bleibt in dem Bericht unerwähnt. Der Großteil des Wiederaufbaus war nur durch den Einsatz der Bevölkerung möglich. In dem Report wird zudem die symbolische Solidarität, etwa wenn weltweit Menschen für Kobani auf die Straße gehen, herausgestellt. Diese sei wichtig und eine ungeheure Motivation für die Menschen vor Ort.

https://www.jungewelt.de/2016/11-03/028.php

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