Chemiewaffen gegen Kurden

Türkei setzt Phosphorgeschosse gegen Stellungen der SDF ein. Bombenwerkstatt ausgehoben

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Der Sprecher des Militärrats von Manbidsch (MMC), Scherwan Darwisch, beschuldigt in einer Erklärung von Mittwoch die türkische Armee, die Dörfer Kert Weran, Girhuyok und Kawikli im Westen der nordsyrischen Stadt mit Phosphorbomben beschossen zu haben. Darwisch erklärte gegenüber der syrisch-kurdischen Nachrichtenagentur ANHA, die Region werde seit 15 Tagen von türkischer Artillerie und Kampfjets beschossen. Weil das Gebiet dichtbesiedelt sei und die Bombardements fortgesetzt werden, müsse mit vielen zivilen Opfern gerechnet werden.

Am Donnerstag veröffentliche ANHA zudem Fotos der Überreste von Phosphorgeschossen und der von diesen hinterlassenen Brandspuren. Laut Genfer Konvention ist der Einsatz solcher Waffen gegen Zivilisten verboten. Der Verstoß gilt als Kriegsverbrechen.

Nachdem die syrische Armee in den vergangenen Wochen bei einer Großoffensive weite Teil der von islamistischen Gruppen besetzten Viertel von Aleppo befreit hat, beginnen nun die Aufräumarbeiten. Tausende Zivilisten waren während der Kämpfe in die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG gesicherten Stadtteile geflohen. Laut der kurdischen Nachrichtenagentur Firat haben die kurdischen Kräfte in sechs Stadtteilen damit begonnen, Sprengfallen und Minen zu räumen sowie nach versteckten Kämpfern und Waffen zu suchen. Anschließend sollen die geflohene Bewohner zurückkehren können.

Während der Arbeiten soll in einer Grundschule im Viertel Scheich Khider eine ehemalige Zentrale des türkischen Geheimdienstes MIT und der faschistischen »Grauen Wölfe« entdeckt worden sein, meldete Firat. Neben nationalistischen Parolen in türkischer Sprache soll sich dort jeweils ein Banner der »Grauen-Wölfe-Stiftung für Bildung und Kultur« und der »Turkmenischen Hilfskampagne« befunden haben.

An den Wänden stünden zudem die Namen von durch den türkischen Geheimdienst aufgebauten und trainierten islamistischen Gruppen wie der »Muhammed Fatih Ketibesi«, der »Liwa Al-Tauhid« und der »Sultan-Murad-Brigade«. In der Kommandostruktur letzterer sollen sich zahlreiche MIT-Agenten befinden. Sie veröffentlichte vergangenen September Aufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie von ihr gefangengenommene Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gefoltert werden.

Bereits am Samstag berichtete ­ANHA, YPG-Kämpfer hätten im Bezirk Bedin in Ostaleppo eine Werkstatt zur Herstellung von chemischen Kampfstoffen und Bomben ausgehoben. Islamistische Gruppen hatten aus ihren Stellungen heraus in den vergangenen Monaten mehrfach den von kurdischen Einheiten gesicherten Stadtteil Scheich Maksud mit solchen Waffen angegriffen.

Die nun veröffentlichten Fotos der Werkstatt zeigen neben türkischen Fahnen auch ein Transparent einer Hilfskampagne für Turkmenen in Syrien mit Logo und Namen der »Türkischen Föderation« Schweiz, einer Organisation der »Grauen Wölfe«. Außerdem konnten die kurdischen Milizionäre zahlreiche Chemikalien der deutschen Chemiefirma Merck sicherstellen.

Die Funde zeigen erneut, dass die Türkei unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe islamistische Kampfgruppen unterstützt und aufbaut. Der Kovorsitzende der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft in Scheich Maksud, Mohammed Scheikho, griff in einer Erklärung am Mittwoch die Türkei und die Europäische Union für die Unterstützung der Dschihadisten in Aleppo an. Die EU solle dafür sorgen, dass keine Chemikalien nach Syrien gelangten, die gegen die Bevölkerung eingesetzt werden können, forderte Scheikho.

https://www.jungewelt.de/2016/12-09/027.php

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s