»Viele meiner Kollegen stehen vor Gericht«

Arbeitsbedingungen für linke Journalisten haben sich im vergangenen Jahr in der Türkei ­verschlechtert. Gespräch mit Kevin Hoffmann

Von Adil Demirci
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Die Cumhuriyet zählt zu den ältesten Tageszeitungen der Türkei. Seit August vergangenen Jahres lebt der ehemalige Chefredakteur des Mediums Can Dündar im Exil. Im Oktober wurden etliche leitende Redakteure festgenommen

Kevin Hoffmann ist politischer Aktivist und freier Journalist

In der Türkei sitzen mehr Journalistinnen und Journalisten im Gefängnis als irgendwo sonst auf der Welt. Unter welchen Bedingungen arbeiten sie in der Türkei?

Journalisten in der Türkei stehen unter einem enormen Druck. Die Bedingungen, unter denen vor allem linke und regierungskritische Berichterstatter arbeiten, sind nicht mit denen in Deutschland oder Europa vergleichbar. Wer als politischer Mensch in der Türkei nicht nur für Medien, sondern auch beispielsweise als Anwalt tätig ist, ist meist schon mit einem Bein im Knast. Viele meiner türkischen und kurdischen Kollegen stehen zur Zeit vor Gericht oder haben schon Jahre für ihre journalistische Arbeit gesessen.

Dutzende Zeitungen, Fernsehsender und Nachrichtenagenturen wurden seit dem Putschversuch im Juli vorigen Jahres von der Regierung verboten. Wie wirkt sich diese Situation auf die journalistische Tätigkeit aus?

Die Erdogan-Regierung hat die Medienlandschaft der Türkei komplett gleichgeschaltet. Die meisten größeren oppositionellen Medien wurden verboten, Tausende Journalisten entlassen. Andere Medien wurden unter Zwangsverwaltung gestellt. Diese berichten nur noch wohlwollend über die Regierung. Wer nicht schreibt, was die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi vorgibt, wird wahllos mit Strafverfahren wegen Propaganda für irgendeine »terroristische Organisation« überzogen. Auch beliebt sind Strafverfahren wegen Beleidigung des Präsidenten, sollte man sich in einem Artikel gegen Recep Tayyip Erdogan äußern oder sich über ihn lustig machen. So wird versucht, uns Journalisten zum Schweigen zu bringen.

Wie haben sich die Arbeitsbedingung denn konkret im vergangenen Jahr verändert?

Bei jedem wichtigen Ereignis hat die Regierung eine Nachrichtensperre verhängt und so unsere Arbeit massiv erschwert. Hunderten Journalisten wurden ihre Presseausweise abgenommen oder nicht verlängert. Durch die Verhaftung von zahlreichen Kollegen und das Verbot linker und kurdischer Zeitungen, Fernsehsender und Nachrichtenagenturen ist es auch für uns heute schwieriger, schnell an zuverlässige Informationen zu kommen. Umso wichtiger ist es, die vorhandenen Quellen aus der Türkei zu nutzen, neue zu schaffen und über das, was hier passiert, zu berichten.

Viele ausländische Journalisten haben die Türkei verlassen. Welches Risiko gehen Sie ein, wenn Sie weiter von dort berichten?

Die meisten großen europäischen Medien haben ihre Journalisten aus der Türkei abgezogen. Wenn also heute in einer deutschen Zeitung ein Artikel über das Land erscheint, sind die Informationen dazu meist aus türkischen Zeitungen und nicht selber recherchiert. Wer in der Türkei von Demonstrationen berichtet, wird oft selber zur Zielscheibe der Polizei. Wenn wir mit Kollegen von Demonstrationen berichten, kommt es dabei oft zu gezielten Angriffen der Polizei auf uns. Dabei wird mit Gasgranaten oder Gummimunition auf uns geschossen. Die Situation für die Kollegen in den kurdischen Gebieten ist natürlich noch weit dramatischer. Auf sie wird unter Umständen auch scharf geschossen. Im Jahr 2015 entging ich mit Kollegen nur knapp dem Anschlag zweier Selbstmordattentäter auf eine Friedensdemonstration in Ankara.

Gibt es im Umgang der Behörden einen Unterschied zwischen ausländischen und türkischen linken Journalisten?

Die Kontrolle der türkischen Kollegen durch die Polizei und den Geheimdienst sind viel dichter. Wenn ihre Artikel, Kolumnen oder Reportagen in den Zeitungen veröffentlicht werden oder sie etwas in den sozialen Medien posten, dauert es nicht lange, bis eine Anzeige kommt. Für meine Artikel, die ich in Deutschland veröffentliche, oder meine Interviews mit Internationalisten in Rojava, wäre ein türkischer Kollege vermutlich schon lange im Gefängnis. Man fällt durchs Raster, da sich die türkischen Behörden meist nicht die Mühe machen, Texte ins Türkische zu übersetzen. Auf der Straße geraten ausländische Journalisten dafür sehr wohl ins Fadenkreuz. Oft wird ausländischen Kolleginnen und Kollegen von der Polizei sogar vorgeworfen, dass sie als Agenten für eine andere Regierung arbeiten und Unruhe in der Türkei verbreiten würden. Der entscheidende Vorteil für uns ist jedoch, dass wir meist nicht für Jahre ins Gefängnis gesperrt werden, wie unsere einheimischen Kollegen, sondern maximal unseren Aufenthaltsstatus verlieren und mit einem Einreiseverbot abgeschoben werden.

Bemerken Sie auch in der Zusammenarbeit mit Informanten bzw. Interview­partnern Veränderungen?

Natürlich gibt es, gerade in der normalen Bevölkerung, eine große Verunsicherung durch die immer härteren Repressionen. Allerdings gibt es sie nicht bei Interviews mit linken oder kurdischen Politikern. Wer in der Türkei politisch aktiv ist, dem ist klar, dass man kein Verbrechen begehen muss, um im Gefängnis zu landen. Kaum ein bekannter politischer Aktivist war in der Türkei nicht schon für ein paar Jahre im Gefängnis.

Oftmals ist man in der alltäglichen journalistischen Arbeit auf Behörden angewiesen, um Informationen zu bekommen oder diese zu verifizieren. Kann so etwas überhaupt noch klappen und wenn nicht, wie behelfen Sie sich?

Die türkischen Behörden können in der journalistischen Arbeit nicht als Quelle oder zum Abgleich von Informationen genutzt werden. Bei politisch wichtigen Ereignissen werden grundsätzlich Pressesperren und Berichterstattungsverbote verhängt – dann kommen die einzigen Informationen von der staatlichen Nachrichtenagentur. Diese gleicht jedoch eher einer Propagandamaschine als einer Nachrichtenagentur. Informationen können oftmals nur durch persönliche Kontakte oder durch Augenzeugen verifiziert werden.

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