Gespaltene Gesellschaft

AKP-Anhänger und Islamisten bejubeln Anschläge in Paris. Linke machen Regierung mitverantwortlich

Kevin Hoffmann, Istanbul

Am Dienstag sollte in Istanbul das Fußballspiel zwischen Griechenland und der Türkei mit einer Schweigeminute für die Opfer des Massakers in Paris beginnen, so wie zeitgleich Begegnungen in London und Wien. Doch es kam zu lautstarken Störungen durch türkische Fans, die pfiffen sowie nationalistische und islamistische Parolen riefen. Ähnliches war schon Mitte Oktober geschehen, als vor einem Länderspiel zwischen der Türkei und Island mit einer Schweigeminute an die Opfer des Bombenanschlags auf eine Friedensdemonstration am 10. Oktober in Ankara erinnert werden sollte. Überraschend sind solche Reaktionen nicht. Laut einer Umfrage des amerikanischen PEW-Instituts sollen rund acht Prozent der türkischen Bevölkerung offen mit der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) sympathisieren.

So zeigt sich in den Reaktionen auf die Anschläge von Paris erneut die tiefe Spaltung der Gesellschaft in der Türkei. Die linken Parteien und Organisationen machen die AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und deren Politik zumindest mitverantwortlich für die Attentate in Suruc am 20. Juli, in Ankara und in Paris. Die Antwort darauf müssten die Verstärkung des Kampfes gegen die türkische Regierung und mehr Solidarität mit den kurdischen Befreiungskräften in Syrien sein.

Die AKP habe die Türkei zu einem Land gemacht, in dem Massaker an Zivilisten mit Freuden begrüßt würden, kritisierte der Kovorsitzende der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK), Cemil Bayik, in einem Interview mit der Tageszeitung Azadiya Welat. Der IS habe aus der Türkei neben politischer und finanzieller auch große ideologische Unterstützung bekommen. »Das Massaker von Paris hat bewiesen, dass die Türkei eine Politik verfolgt, die nicht nur für die Kurden und den Mittleren Osten, sondern für die ganze Welt gefährlich ist«, erklärte Bayik. »Genau wie das Massaker in Ankara, das in Zusammenarbeit mit der AKP verübt wurde, war auch das Massaker von Paris eine Folge der von der Türkei verfolgten Politik. Wer diese Wahrheit ignoriert, kann keinen konsequenten Kampf gegen den IS führen.« Der IS und die Al-Nusra-Front könnten in kurzer Zeit aus den besetzten Gebieten in Syrien und dem Irak vertrieben werden, wenn die Unterstützung durch die Türkei beendet würde.

Auch die Kovorsitzende der prokurdischen Parlamentspartei HDP, Figen Yüksekdag, griff in ihrer Stellungnahme zu den Terroranschlägen in Paris die türkische Regierung an: »Ich teile Frankreichs Trauer zutiefst. Wir sind mit dieser Art von Trauer vertraut. Und wir wissen sehr gut, wer die Verantwortlichen für diese Grausamkeit und wer ihre Komplizen sind.«

Die »Initiative der Suruc-Familien«, ein Zusammenschluss der Angehörigen der bei dem Selbstmordschlag am 20. Juli getöteten jungen Sozialisten, schreibt in einer Stellungnahme: »Sie wollen uns unseren Wunsch, in Brüderlichkeit und Einheit zu leben, unsere Sehnsucht nach Freiheit und unsere Hoffnung auf eine bessere Zukunft nehmen. Nebeneinander stehend und die Solidarität verstärkend werden wir Schulter an Schulter unseren Kampf führen. Unsere Herzen schlagen für die Gerechtigkeit! Es sind die Menschen und nicht diese Mörder, die Sieger sein werden!«

Das Oberkommando der in ­Syrien aktiven kurdischen »Volksverteidigungseinheiten« YPG und deren Frauenorganisation YPJ verurteilte die Anschläge, sprach den Verletzten und Hinterbliebenen sein Beileid aus und kündigte einen noch härteren Kampf gegen die islamistischen Terrorgruppen an. Der Kovorsitzende der kurdisch-syrischen Partei PYD, Saleh Moslem, dessen Sohn im Kampf gegen den IS getötet wurde, besuchte am Dienstag Paris und legte an einem der Anschlagsorte Blumen nieder.

https://www.jungewelt.de/2015/11-21/034.php

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s