Langsames Massaker

Türkei: Seit zehn Tagen warten Eingeschlossene in Cizre auf Hilfe. Militär verweigert Zugang. Mindestens sieben Tote

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Seit dem 22. Januar harrt eine Gruppe von zwei Dutzend Menschen im mehrheitlich von Kurden bewohnten Cizre im Südosten der Türkei in einem Keller aus. Die Gruppe war dorthin geflüchtet, als sie von türkischen Soldaten beschossen wurde (jW berichtete). Mittlerweile sind mindestens sieben Menschen ihren Verletzungen erlegen, die sie bei den Angriffen von Polizei und Militär erlitten hatten. Zuletzt starb am Samstag die 16jährige Sultan Irmak, nachdem es erneut zu einem Beschuss des Hauses durch Panzer und Artillerie der türkischen Armee gekommen war. Dabei wurde zudem der einzige Zugang zu dem Keller verschüttet, wie die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtete.

Das letzte Lebenszeichen der Eingeschlossenen und Verletzten gab es am Samstag. »Wir werden beschossen, Bomben wurden hier rein geworfen. Sie werden uns töten. Helft uns«, waren die letzten Worte, die man einer Presseerklärung der Demokratischen Partei der Völker (HDP) zufolge von den Verletzten vernommen habe. Seitdem sei die Verbindung abgerissen und es gebe keinen Kontakt mehr zu den Eingeschlossenen. Bereits am Freitag hatte der HDP-Abgeordnete Faysal Sariyildiz eine SMS-Nachricht des sich im Keller befindenden Mehmet Yavuzer von der kurdischen Demokratischen Partei der Regionen (DBP) veröffentlicht, in der es heißt: »Ich werde mich selber töten. Ich möchte die Schreie nach Wasser nicht mehr hören. Niemand guckt zu mir, ich werde mich selber töten. Wasser, ich sage dir, Genosse – Wasser, Wasser …« Seit nunmehr sechs Tagen gebe es in dem Keller nichts mehr zu trinken, berichtete die ANF. Die Eingeschlossenen hätten lediglich einen alten Wassertank mit einem Liter dreckigen Wassers gefunden, um ihre Lippen befeuchten zu können.

In einer Erklärung der HDP-Abgeordneten Iris Baluken, Meral Danis Bestas und Osman Baydemir vom Samstag heißt es, dass wiederholt Krankenwagen daran gehindert worden seien, zu den Verletzten zu gelangen. Die zuständigen Behörden hätten argumentiert, dass der einzige Weg zu dem Haus durch die »Kampflinie« führe und man deshalb die Sicherheit der Rettungskräfte nicht garantieren könne, da während der laufenden Operation ein Waffenstillstand nicht möglich sei. Schließlich wurden die Krankenwagen bis auf rund 200 Meter an das Haus herangelassen, jedoch mit der Auflage, dass die Verwundeten und Eingeschlossenen selbständig aus dem verschütteten Keller kommen und bis zu den Krankenwagen laufen müssten, so die Abgeordneten. Die drei Parlamentarier sind am vergangenen Mittwoch in einen Hungerstreik getreten, um Druck auf die türkischen Behörden auszuüben, damit diese Hilfe zu den Verletzten durchlassen.

Am Wochenende versuchte in Cizre eine Gruppe Freiwilliger aus den im Gesundheitswesen tätigen Gewerkschaften TTB und SES, mit Krankenwagen zu den Verwundeten vorzustoßen. Die Mediziner wurden jedoch von den Sicherheitskräften daran gehindert, den Opfern Hilfe zu leisten. Laut der Nachrichtenagentur ETHA versuchte am Sonntag auch eine Gruppe von Frauen, darunter Mütter der Eingeschlossenen, mit weißen Fahnen zu dem Haus zu gelangen, woraufhin die gesamte Gruppe von Spezialeinheiten der Polizei festgenommen wurde.

In mehreren deutschen Städten gingen am Samstag Tausende Menschen gegen das Vorgehen des türkischen Militärs in Kurdistan auf die Straße, unter anderem in Berlin, Köln, Hamburg, Frankfurt am Main und Stuttgart.

https://www.jungewelt.de/2016/02-01/001.php

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