Drohendes Massaker

Türkisches Militär tötet 20 Menschen in Cizre und Diyarbakir. Schwerverletzte in Nordkurdistan werden weiter beschossen

Kevin Hoffmann, Istanbul

Seit vier Tagen harren 28 Menschen in einem Haus in Cizre aus, das vom türkischen Militär seit Wochen belagert wird. In der Gruppe sollen sich laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF zahlreiche Verletzte und Schwerverletzte befinden. Am späten Dienstag nachmittag soll das Haus und die Umgebung von den Einsatzkräften mit Panzern und anderen schweren Waffen unter Beschuss genommen worden sein.

Der Kovorsitzende des Volksrats von Cizre, Mehmet Tunc, der sich unter den Eingeschlossenen befindet, berichtete ANF am Dienstag abend, dass das Gebäude so stark beschädigt sei, dass die Menschen verschüttet werden könnten. Es gebe zudem kein sauberes Trinkwasser. Trümmerteile aus den oberen Stockwerken sollen die Fenster verdecken, so dass auch die Zufuhr mit Frischluft eingeschränkt sei.

Der Abgeordnete der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), Faysal Sariyildiz, teilte am Dienstag abend via Twitter mit: »28 verletzte Personen in Cizre können seit vier Tagen nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Vier der verletzten Personen haben bereits ihr Leben verloren, weil sie keinen Zugang zu einem Krankenhaus bekommen haben. Das Gebäude in dem die Verletzten sich verstecken und Unterschlupf gefunden haben, wird mit schwerer Artillerie bombardiert. Jeden Moment kann es zu einem großen Massaker kommen.«

Laut ANF befindet sich neben den vier bereits verbluteten Personen eine weitere Person in sehr kritischem Zustand. Bereits am Dienstag morgen habe Sariyildiz mit dem zuständigen Gouverneur von Sirnex, Ali Ihsan Su, gesprochen. Der Gouverneur lehnte laut ANF jedoch jede Hilfe für die Eingeschlossenen ab. Solange die Operation des Militärs laufe, sei es nicht möglich, Hilfe zu schicken. Der Gouverneur schlug statt dessen vor, die Verletzten sollten sich selber befreien und das Gebiet zu Fuß verlassen, dann könne man ihnen auch helfen.

Sariyildiz und Angehörige der Eingeschlossenen kündigten daraufhin an, in das Gebiet zu reisen und die eingeschlossenen Menschen zu retten. »Wenn keine Hilfe kommt, dann werde ich mich selber auf den Weg machen. Dann sollen sie mich auch töten; es ist ein Punkt erreicht, wo die Menschlichkeit in Frage gestellt wird,« so Sariyildiz. Auch der Zentralrat der türkischen Medizinervereinigung (TTB) rief in einer Erklärung am späten Dienstag abend zu dringender Hilfe für die Verwundeten auf.

Am Mittwoch teilte das türkische Militär mit, 20 Menschen in Diyarbakir und Cizre getötet zu haben. Angeblich sollen sie Mitglieder der kurdischen Arbeiterpartei PKK gewesen sein. Ebenso sollen den Angaben zufolge drei Soldaten ums Leben gekommen sein.

Laut einem Bericht der Internetseite Bakur Revolt befindet sich die Stadt Cizre seit mehr als zwei Monaten im Belagerungszustand. Seit 44 Tagen hält die aktuelle Ausgangssperre an, und seit dem vergangenen Juli haben über hundert Zivilisten in Cizre ihr Leben durch Angriffe von türkischen Einsatzkräften verloren.

https://www.jungewelt.de/m/artikel/279843.drohendes-massaker.html

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