Ankaras langer Arm

Türkischer Geheimdienst soll Kurden in Europa zur Spionage zwingen

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

Der türkische Geheimdienst MIT soll Kurden, die in Europa leben, massiv bedrohen und zu Spitzeltätigkeiten anheuern. Das berichtete die kurdische Tageszeitung Yeni Özgür Politika in ihrer Ausgabe vom vergangenen Samstag. Die Zeitung bezieht sich dabei auf die Geschichte eines 23jährigen Kurden aus Mannheim.

E. A., wie die Zeitung ihn nennt, war aus der Südosttürkei nach Europa geflohen, nachdem er im Jahr 2011 aufgrund seiner politischen Tätigkeiten bei der Jugend der kurdischen Partei für Frieden und Gerechtigkeit (BDP, Vorgängerin der HDP) ins Visier der Polizei gerückt war. E. A. gibt an, während einer dreimonatigen Untersuchungshaft durch die Anti-Terror-Abteilung mehrfach misshandelt und vernommen worden zu sein. Dabei hätten die Beamten Morddrohungen gegen seine Familie geäußert, sollte E. A. nicht reden. Daraufhin habe er dem Druck nicht mehr standgehalten und sechs Namen von Personen genannt, die mit ihm politisch aktiv waren. Bei seiner Entlassung habe man ihm schließlich angeboten, für den Geheimdienst MIT als Agent zu arbeiten. Er habe das Angebot abgelehnt.

Das Kapitel war damit allerdings nicht abgeschlossen: Als E. A. nach seiner Flucht in einem kurdischen Verein in Paris aktiv wurde, wurde er über Facebook von einem Account unter dem Namen »Murat« kontaktiert und bedroht. Laut E. A. habe der Unbekannte über persönliche Informationen wie etwa die Adresse seiner Familie verfügt. »Wir bringen deine Familie um, deine Geschwister und deine ältere Schwester, wir kennen sie sehr gut; wir kennen dich sehr gut, du lebst in Evry«, zitiert Yeni Özgür Politika aus einer der Nachrichten. »Murat« habe daraufhin die Anweisung gegeben, Fotos der Verantwortlichen des kurdischen Vereins anzufertigen und sie an die türkische Botschaft in Paris zu schicken. Kurze Zeit später seien 380 Euro von einem unbekannten Konto an E. A. überwiesen worden. Auch nach seinem Umzug nach Mannheim hätte der mutmaßliche Geheimdienstmitarbeiter ihn weiter bedrängt. E. A. kam den Anweisungen, Namen und Fotos zu liefern, erneut nach, bereute später jedoch seinen Verrat und machte die Geschichte schließlich öffentlich.

Laut Yeni Özgür Politika ist die Geschichte von E. A. eines von vielen Beispielen dafür, wie der türkische Geheimdienst MIT versucht, türkische und kurdische Migranten in Europa zu einer Agententätigkeit zu drängen. Der Demokratische Gesellschaftskongress der Kurden in Europa (KCDK-E) gibt an, von weiteren Fällen Kenntnis zu haben. Der KCDK-E hatte nach den deutschlandweiten Razzien vom 9. November, die sich gegen die türkisch-nationalistische Rockergruppe »Osmanen Germania« richteten – die laut Ermittlern »en ge Kontakte zum türkischen Geheimdienst pflegen sollen« – auf türkische Agententätigkeiten in Europa aufmerksam gemacht. Bereits Ende August war bekannt geworden, dass der türkische Geheimdienst allein in Deutschland ein Netz aus 6.000 Informanten unterhalten soll, wie die Welt am Sonntag in Berufung auf Sicherheitskreise berichtete. Der KCDK-E machte zudem publik, dass Beweise für geplante Auftragsmorde am KCDK-E-Ko-Vorsitzenden Yüksel Koc und an Remzi Kartal, dem Ko-Vorsitzenden des Volkskongress Kurdistan (KGK) vorliegen würden. Die Attentate hätten durch Mitglieder der »Osmanen Germania« und auf Befehl der Türkei ausgeführt werden sollen. Konsequenzen hatte die Veröffentlichung der Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes in Deutschland bisher jedoch nicht.

https://www.jungewelt.de/2016/11-24/033.php

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