Trauernde festgenommen

»Islamischer Staat« bekennt sich zu Anschlag in Istanbul. Türkische Polizei verhaftet Sozialisten

Von Kevin Hoffmann, Istanbul

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Rote Nelken vor dem Nachtclub »Reina« in Istanbul

Nach dem Anschlag auf eine Silvesterparty im Nachtklub »Reina« in Istanbul hat die türkische Polizei am Sonntag nicht etwa den Attentäter festgenommen, sondern 15 Menschen, die vor dem Tatort zum Gedenken an die Opfer rote Nelken abgelegt hatten. Es handelte sich um Mitglieder der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP), ihres Jugendverbands SGDF sowie um Juristen eines linken Anwaltsbüros. Auch die Korrespondentin der sozialistischen Nachrichtenagentur ETHA, Isminaz Temel, wurde während ihrer Berichterstattung am Ort des Anschlags festgenommen.

Bei dem Attentat in der Silvesternacht waren 39 Menschen erschossen und mindestens 70 weitere verletzt worden. Zu dem Überfall bekannte sich mittlerweile die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS). Inzwischen hat die Polizei nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA acht Verdächtige festgenommen, bei denen sie eine Verbindung zu dem Angriff in der Silvesternacht sieht. Weitere Einzelheiten nannte die Agentur nicht.

Noch am Morgen vor dem Anschlag hatte die islamisch-nationalistische Zeitung Milli Gazete zu Silvesterfeiern in der Türkei getitelt: »Dies ist die letzte Warnung: Feier nicht!«. Dem Attentat waren vor allem in Großstädten wie Istanbul und Ankara aggressive Kampagnen islamistischer und nationalistischer Organisationen vorausgegangen, welche die Bevölkerung in der Türkei dazu aufriefen, weder Weihnachten noch Silvester zu feiern.

Am 30. Dezember forderte Sevki Yilmaz, früherer Parlamentsabgeordneter der islamistischen Refah Partisi und heutiger Kolumnist der Zeitung Yeni Akit, bei einer Sendung des Fernsehkanals Akit TV zum Mord an kurdischen Politikern auf. Man dürfe nicht auf die Einführung der Todesstrafe warten, so Yilmaz. »Wenn sie (die Arbeiterpartei Kurdistans, PKK; Anm. jW) weiterhin Bomben explodieren lassen, müssen die staatlichen Spezialeinsatzkräfte anfangen, ihre Köpfe einen nach dem anderen umzubringen.« Yilmaz bezichtigte zudem die Abgeordneten der prokurdischen Linkspartei HDP, im voraus über Anschläge der PKK Bescheid zu wissen.

https://www.jungewelt.de/2017/01-03/004.php

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